Prenzlauer Berg mon Amour- Mein Kiez jenseits von Klischees

Bionade- Boheme. Neulich hatte ich mal wieder auf einer Party die gleiche Unterhaltung „Dein Sohn geht in Prenzlauer Berg zur Schule? Oh je, dort gibt es diese schrecklich verwöhnte Gören und ihre Hipster-Eltern“, sagte eine Frau und verdrehte die Augen. „Allein diese ganze Schicksen mit ihren 1000-Euro-Kinderwagen“, sagte eine andere. „Und Berliner gibt es keine mehr. Nur noch Schwaben“, stellte ein Mann fest, der seit den Neunzigern nicht mehr hier wohnt. Und wie immer muss ich meinen Kiez verteidigen. Meine Freundinnen sitzen weder ständig im Café, noch kaufen sie Luxusprodukte für ihre Kinder. Und in der Schule meines Sohnes seien die Familien ganz normal. Daraufhin gab es verdutzte Blicke nach dem Motto, so ganz glauben wir dir nicht. Seit 2010 lebe ich in Prenzlauer Berg. Mein Kiez wird deutschlandweit als Synonym für Gentrifizierung, irgendwas mit Medien machen, und dekadente Bio-Schickeria. Unvergessen ist die Äußerung von Wolfgang Thierse 2012, der sich beschwerte, am Kollwitzplatz würden nur provinzielle, Dialekt sprechende Schwaben wohnen. Überhaupt herrscht bei vielen Urberlinern darüber Konsens, dass die ganzen zugezogenen Wessis die Mietpreise nach oben treiben und ihre provinzielle Mentalität nicht abschütteln können.

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Feiern kann man bei uns immer noch ganz gut, zum Beispiel in der Kulturbrauerei

Nur Schwaben? Wirklich? Wenn ich ehrlich bin, kenne ich eine einzige schwäbische Familie, die hier lebt. Mein Haus ist wirklich international. Hier leben unter anderem Leute mit britischen, kolumbianischen, ungarischen, isländischen, italienischen Wurzeln (ich!). Nicht wenige Mieter kommen aus der ehemaligen BRD, aber niemand aus Schwaben, noch nicht mal aus Baden-Württemberg. Und, ja, wir haben noch  Urberliner, diese bedrohte Art, die die Gentrifizierung scheinbar vertrieben hat. Die ältesten Mieter wohnen seit 1961 hier und werden vermutlich nicht so schnell ausziehen. Ein paar Wohnungen haben noch die gute alte Kohleheizung und von Luxussanierung ist hier zum Glück keine Spur. Nur widerwillig bessert unsere Hausverwaltung hin und wieder was nach. Viele Künstler haben wir hier tatsächlich. Musiker, Journalisten, Schriftsteller. Aber keine hochnäsige. Und auch ganz andere tolle Nachbarn, mit denen wir im Sommer im Hof einen Wein trinken.

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In den frühen 90ern fast umsonst zu haben, ist eine Mietwohnung in einem Altbau mittlerweile heiß begehrte Mangelware

Früher war alles besser? Wenn ich mir alte Fotos aus der Zeit kurz vor und nach der Wende anschaue, fällt mir auf, wie verfallen die Altbauten waren. Es erinnert mich an Kuba, wo der Putz von den Fassaden der alten Kolonialhäuser abblättert. Viele der Wohnung hatte bis in die Neunziger nur ein Klo im Treppenhaus, die Fenster waren nicht abgedichtet und es pfiff aus jeder Ritze. Aber gerade um die alten Zeiten kreist die Nostalgie der Altberliner. Ich kann nie so ganz verstehen, was dahinter steckt. Ich kann mir nicht vorstellen, warum es toll sein sollte, in einer Bruchbude zu leben und im Winter zu frieren. Okay, die Mieten waren damals lächerlich niedrig, dafür die Instandhaltung nicht vorhanden. Noch zehn Jahre DDR, und man hätte vermutlich alles abreißen müssen. Obwohl in mir durchaus ein soziales Herz schlägt, verstehe ich schon, dass der Vermieter nicht die CARITAS ist und dass eine 100 qm Wohnung für 400 warm, wie es vor 15 Jahren noch üblich war, dazu führt, dass keine vernünftige Sanierung bezahlt werden kann.

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Biergartenkultur hab’n wir ooch.

Multikulti und die Ostalgie. Okay, vielleicht finden einige Urberliner, dass  es einfach zu viele Westdeutsche und Ausländer in Prenzlauer Berg gibt.  Aber eine Hauptstadt hat nun mal ein Interesse, attraktiv zu sein. Von der ökonomischen Seite abgesehen, macht diese internationale Atmosphäre genau den Reiz einer Weltstadt aus. In Ostberlin gab es insgesamt wenige Ausländer. Aus offensichtlichen Gründen hatte fast niemand in der Welt Interesse, ins sozialistische Deutschland einzuwandern. Und kurz nach der Wende zogen Prenzlauer Berg Studenten, Punks und Künstler, die in diesem vorübergehenden Machtvakuum eine Art Anarchie ausleben konnten. Diese paar Jahre zwischen Anfang und Mitte der Neunziger sind die, die viele sich zurückwünschen. Als es keine Biocafés, keine Pizzeria und keine Dönerbude alle paar Meter, kein Einkaufszentrum und nur abgewrackte Clubs gab, in denen man wild feierte. Ich habe diese Epoche leider nicht erlebt. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie einzigartig war. Sie war es aber nur, weil sie so kurz dauerte. Es war ein Umbruch, der Beginn einer neuen Zeit. Es war wie die Wochen zwischen dem Ende der Abiturklausuren und dem ersten Unitag, in der alle Möglichkeiten und Träume offen vor einem legen.  Aber es wäre frustrierend, wenn diese Zeitspanne ewig dauern und das Studium nie anfangen würde. Und genauso öde wäre es, wenn es 26 Jahre nach der Wende immer noch bröckelnde Häuser und keine Infrastruktur gäbe.

Die reichen Hipster– Ja, die Mieten steigen, aber sie tun es überall in deutschen Großstädten. Schuld ist die Politik, die nicht dafür sorgt, dass genug preiswerte Wohnungen entstehen. Es ist aber ein Mythos, dass es hier nur finanziell gut situierte Menschen gibt. Gerade die, die schon seit über zehn Jahre hier wohnen, haben noch alte Mietverträge und zahlen immer noch einen Bruchteil von dem, was üblich ist. Aber auch die Neumieter sind nicht immer Schwerverdiener oder reiche Erben aus Stuttgart/München. Viele investieren einfach einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens für Miete, weil es ihnen Wert ist, hier zu leben. Weil es viele Kindergärten, gute Schulen und Parks und Spielplätze gibt. Weil man hier nicht nur unpersönliche Ketten, sondern kleine Kiezbüchereien, Feinkostläden, Boutiquen mit Vintage-Artikeln, und kleine Märkte hat. Und das alles in Fußreichweite. Weil man dank U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn oder mit dem Fahrrad ratzfatz überall in Berlin ist. Diese hohe Lebensqualität ist vielen Menschen einiges wert, und manche bleiben lieber in einer 90 qm Wohnung mit zwei Kindern als für das gleiche Geld ein Haus am Stadtrand zu ziehen, wo ein Einkauf bei ALDI schon als Kultur zählt.

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Die Ring-Bahn und die U-Bahn Linie U2 überqueren Prenzlauer Berg, dazu viele Busse und Straßenbahnlinien

Latte-Macchiato-Mütter, wo seid ihr? Apropos verwöhnte Tyrannen, die nur Bioobst essen, Holzspielzeug bekommen und für die Eltern das Zentrum des Universums sind. Wenn man Klischees glaubt, gibt es hier nur solche kleine Monster. Kurz zusammengefasst: Ich kenne keine. Und ich kenne jede Menge Kinder, die hier wohnen, von 0 bis 18 Jahren. Deren Eltern kaufen manchmal bei Al Natura ein, und manchmal bei LIDL. Sie haben vielleicht eine Murmelbahn aus Holz, aber auch Minions aus Plastik von McDonalds. Ihre Mütter (und Väter) trinken manchmal Latte Macchiato im Café, aber manchmal auch Bier oder Cola im Prater, während die Sprösslinge barfuß im Spielbereich rumrennen und sich dreckig machen.  Und, nein, die meisten Eltern die ich kenne haben, wie alle Eltern in der Welt, keine Zeit um ständig pädagogisch wertvoll zu diskutieren. Wenn die Kinder bocken, gibt’s einfach Ärger.

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Biomarkt und Spielplatz stehen wie keine andere Begriffe für Prenzlauer Berg

Der letzte Zufluchtsort

Was heute  ein Familienzentrum mitten im quirligen Bezirk Prenzlauer Berg ist, hat nach genauerem Hinsehen eine Vergangenheit, die bis in das düsterste Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte reicht.

Das Haus in der Fehrbelliner Straße 92 ist auf dem ersten Blick ein Altbau,  wie es viele davon in Prenzlauer Berg gibt. In den hellen Räumen mit Parkett und Flügeltüren werden Yogaseminare und Ausbildungsberatungen für Jugendliche durchgeführt, in dem Innenhof steht ein Sandkasten für die kleinen Besucher bereit. Ursprünglich, im Jahr 1910, beherbergten die Räume jedoch eine Tagesstätte für Säuglinge und Kleinkinder, und später einen Hort, eine Lesestube und ein Heim für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen.

Wer auf dem Weg in die erste Etage nach oben schaut, entdeckt  ein kleines, mit hebräischen Buchstaben geschmücktes Holzboot. Dieses wurde von den Bewohnern des jüdischen Kinderheims gebaut, die in den 30ern hier lebten, weil ihre Eltern verhaftet oder deportiert worden waren. In den Räumen fanden sie Schutz vor der zunehmenden Verfolgung und Diskriminierung, der die Juden nach 1933 zunehmend ausgesetzt waren. Sie lernten lesen und schreiben, bekamen eine warme Mahlzeit, lachten, spielten Schach und inszenierten Theateraufführungen, wie die vielen Schwarzweißfotos an den Wänden dokumentieren.

1942 war ihre Kindheit jedoch abrupt zu Ende. Das Heim wurde von der NS-Regierung geschlossen und die Kinder in ein Altersheim umgesiedelt, die meisten von ihnen wurden jedoch kurze Zeit später deportiert und kehrten nie wieder zurück. Einige wenige hatten sich bereits 1938 mit dem Kindertransport nach England gerettet. Auch Ida Judith Bamberger, die letzte Heimleiterin, wurde verhaftet und vermutlich in Auschwitz ermordet.

Die Boote, die die Kinder gebastelt hatten, konnten sie nicht retten. Am 14. März 2003 wurde jedoch die Ausstellung eingeweiht, die die Fotos und zahlreiche Infotafel beinhaltet. Einige der ehemaligen Bewohnern, die die NS-Zeit überlebt hatten, waren dabei. Ihre Geschichten werden ebenfalls in der Ausstellung erzählt. Doch auch ohne Text sprechen die Bilder für sich. Sie erinnern an die Hoffnung, die auch in den dunkelsten Momenten ein junges Leben erhellen kann.

 

Zur Ausstellung in der Fehrbelliner Straße 92

Gemeinsame Mahlzeit im Speisesaal
Den Krieg und die Verfolgung vergessen: Kasperletheater
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Die letzten sorglosen Momente, viele von ihnen überlebten den Krieg nicht