Das war der Karneval der Kulturen 2016

Auch dieses Jahr hat Berlin ein Zeichen für Toleranz und das Zusammenleben der Kulturen gesetzt. Trotz Regengüsse und eisiger Temperaturen haben sich gestern tausende Besucher den Umzug der Karneval der Kulturen angeschaut. Die bunten Wagen sind von 12:30  bis 22 Uhr durch Kreuzberg gezogen und haben auf der Strecke von Herrmannplatz über die Gneisenaustraße bis zur Möckernbrücke Jugendliche, Senioren, Familien, Touristen und Berliner begeistert. Über 500.000 Personen klatschten, tanzten, sangen mit und feierten bis in den Abend hinein. Von Sambaklängen, bis zu koreanischem Pop, Kinderzirkus, afrikanischen Trommlern und chinesischen Tänzen war alles vertreten. Politische Statements und Satire fehlten ebenfalls nicht, und dennoch war die Hauptbotschaft, dass Musik alle Menschen der Welt vereinen kann. Ein Abschnitt aus den schönsten Momenten findet ihr in dem Video

 

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Alte und neue Flüchtlinge-Das Notaufnahmelager Marienfelde


Das Notaufnahmelager Marienfelde. Kinder, die auf Koffern am Straßenrand sitzen, Menschentrauben vor einem Gebäude, Wäsche aufhängen in Gemeinschaftsräumen: Diese Bilder sind seit der Flüchtlingskrise der letzten Monate rund um die Uhr in den Medien präsent. Es gab aber eine Zeit, in der die Flüchtlinge Deutsch sprachen und dennoch auf eine Aufenthaltsgenehmigung warten mussten. Im Notaufnahmelager Marienfelde in der Marienfelder Allee 66 erinnert die permanente Ausstellung im Erdgeschoss an dieses Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.   Flucht aus dem Osten. In den fünfziger Jahren nimmt wegen der schlechten Wirtschaftsbedingungen die Zahl der Übersiedler aus der DDR nach Westdeutschland rapide zu, ab 1952 ist die Innengrenze geschlossen und eine Ausreise in den Westen nur durch West-Berlin möglich. Allein im März 1953 versuchen 58.605 Menschen ihr Glück und verlassen die Zone, zum Teil in dem sie Seen und Flüsse überqueren oder während einer S-Bahnfahrt im Westsektor aussteigen. Doch offiziell dürfen nur politisch Verfolgte die DDR verlassen. Alle anderen werden zwar nicht zurückgeschickt, erhalten aber keinen offiziellen Status und müssen sich im ohnehin von Wohnungsmangel geplagten West-Berlin zurechtfinden.Wegen dem Mauerbau am 13. August 1961 hat die Flüchtlingswelle zuerst ein Ende, um 1989 wieder einen Höhepunkt zu erreichen. Nach der Wiedervereinigung sind in den neunziger Jahren vor allem Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Marienfelde ankommen, und heute dient das Gebäude ebenfalls als Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Damals wie heute warten die Menschen, ein neues Leben anfangen zu können. Die Ausstellungen. An den vielen Säulen der Ausstellung erzählen einige ehemalige DDR-Flüchtlinge über ihre Gründe, die Heimat zu verlassen. Die zahlreichen Fotos und Infotafeln geben einen Einblick in das Leben im Heim und den Versuch, trotz materieller Entbehrungen und Zukunftsängste so was wie einen Alltag zu etablieren. Im ersten Stock ist bis zum 31.03.2015 die Fotoausstellung „Bridge the Gap“ zu sehen, gefördert durch das Projekt „Jugend ins Zentrum!“und durch die Stiftung Berliner Mauer. In den Bildern porträtieren geflüchtete Jugendliche aus Tschetschenien, Syrien und anderen Ländern ihren Kiez aus ihrer Perspektive und erzählen über ihre Träume und Sehnsüchte. Insgesamt ist die Erinnerungsstätte ein gelungener Versuch, die allzu oft vergessene menschliche Seite der Einzelnen zu beleuchten, die ansonsten in der anonymen Masse namens „Flüchtlinge“ verschwindet.

Schild
Warnschild für Westberliner Fahrgäste in den 50er Jahren
Ausflug
Ausflug für DDR-Flüchtlinge des Notaufnahmelagers Marienfelde in den 50er Jahren
bridgethegap
Ausstellungsplakat „Bridge the gap“ über das Leben von Flüchtlingkindern
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde 
Marienfelder Allee 66-80
12277 Berlin
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Montags geschlossen
www.notaufnahmelager-berlin.de

Die Welt hat ein Denkproblem- Ein Abend in der Vierten Welt

Eine Insel in der Karibik, nach einem verheerenden Erdbeben. Zwei Entwicklungshelfer sitzen unter ihrem Zelt und strotzen vor Euphorie. Sie wollen den Einheimischen nicht nur helfen, sondern sie auch verstehen, doch bald stellen sie fest, dass nichts voran geht. Gleichzeitig verteidigt sich ein schwarzer Vater gegen die Anschuldigungen der weißen Menschen, er könne sein weißes Kind nicht lieben, geschweige denn großziehen. In Berlin, im neu eröffneten Frantz-Fanon-Institut entzaubern zwei junge Frauen das Geschäft mit der Hoffnung, das sich hinter der Werbung für saftige, fair-produzierte Mangos verbirgt.

#progress#karibik ist nach #paradies#karibik das zweite Stück vom Theaterregisseur Christoph M. Gosepath über die verkorkste Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen und den tiefen Graben zwischen zwei Kulturen, die sich nur räumlich näher kommen. Parallel dazu inszeniert Regisseur Dirk Cieslak vn Lubricat „Cantina Section Four“, in dem es ebenfalls um Postkolonialismus und verfehlte Entwicklungshilfe geht. Aufgeführt wurde das Stück in der Vierten Welt, eine Adresse, die sich seit 2010 den politischen und gesellschaftlichen Auftrag des Theaters auf die Fahne geschrieben hat. Im folgenden Interview redet Christoph Gosepath über die Botschaft seiner Karibikreihe.

Wie kam die Idee, ein Stück über die Karibik zu schreiben?

Wir haben in St.Lucia ein leerstehendes Haus renoviert, das architektonisch für Theater geeignet ist. Schon während der Arbeiten kam die Idee für das Projekt. Es stellte sich dann heraus, dass in der Nachbarschaft der Autor und Nobelpreisträger Derek Walcott lebt. Er sieht die Karibik als ein Schmelzofen verschiedener Nationalitäten und als Musterbeispiel für eine Weltbevölkerung. Als erstes haben wir ein Stück geschrieben, das unsere Reise und den naiven Touristenblick beschreibt. Es gibt in der Karibik viele „All you can eat“ Anlagen, aber jenseits der Mauern findet man Müll und Armut. Wir wollten beschreiben, wie falsch die Tourismusindustrie die Karibik mit der Macht der Bilder darstellt.

Warum denn ein zweites Stück?

Nach #paradies#karibik meinten die Künstler von Lubricat, die die Vierte Welt betreiben, das sei zu naiv erzählt. Daraus entstand die Idee, ein Projekt über den „blinden Fleck“ zu entwickeln. Denn dass man den anderen einfach nicht sieht, geschieht heute genauso wie im Kolonialismus. Lubricat und wir haben getrennt dahingearbeitet, dann haben wir unsere beiden Stücke zu einem gemeinsamen Abend zusammengeworfen. #progress#karibik versucht, die Grenzen des Eurozentrismus auszuloten, wohlwissend, dass wir selber Weiße sind und nie diese Grenzen überschreiten werden können. Als drittes Projekt ist geplant, eine karibische Theatertruppe samt Regisseur einzuladen und ihre Sicht erzählen zu lassen.

In #progress#karibik fällt am meisten die Hilflosigkeit der Helfer auf. Denkst du, diese Gefühle sind auch auf die aktuelle Situation mit den Flüchtlingen übertragbar?

Nein. Ich habe versucht, diese Helfer zweifelnd und in sich kreisend zu erzählen. Sie merken, es funktioniert nicht, aber sie verstehen nicht warum, weil sie in ihrem Horizont bleiben. Die Entwicklung der letzten Monate hat aber unser Stück überholt, da jetzt die Menschen in den Gebieten, wo Weiße völlig ineffizient helfen, sich einfach nehmen, was sie brauchen, und einfach herkommen, um etwas von dem Kuchen zu bekommen. Das ist eine Auferstehung derer, die immer ausgebeutet worden sind.

Könnten die Weiße in dem Stück auch Amerikaner, Spanier oder Italiener sein?

Ja. Ihre Weltsicht ist nicht speziell deutsch, sondern europäisch, beziehungsweise weiß. Interessant ist, dass man sich in Deutschland erst spät mit anderen Kulturen befasste, weil es keine ausgeprägte koloniale Geschichte gab. In Berlin geht es daher schwarzen Menschen, vom Bewusstsein her, schlechter als in Paris oder in London.

Ist #progress#karibik ein Stück über Weiße und Schwarze, oder kann es auch eine universelle Geschichte zum Thema Kulturbegegnung sein?

Es geht um die Begegnung mit dem Anderen. Während einer Publikumsdiskussion zum Film „Tödliche Hilfe“ von Raoul Pack erzählte eine Haitianerin, dass es im Grunde um Respekt geht. Du kannst den anderen nie wirklich verstehen, aber du kannst ihm wenigstens Respekt entgegenbringen.

#progress#karibik | club tipping point/ Christoph M. Gosepath
mit
Sebastian Becker, Benjamin Kramme und Steve Régis „Kovo“ N Sondé| Text Robert Schmidt

CANTINA section four |Lubricat/ Dirk Cieslak
mit
Tamara Saphir, Tatiana Saphir und Steve Régis “Kovo” N´Sondé

Dramaturgie Kris Merken | Ausstattung primavera°maas | Video-/Sounddesign Miriam Akkermann und David Roth |
Sprachen: deutsch, englisch, französisch, spanisch

Vierte Welt | Neues Zentrum Kreuzberg | Galerie 1. OG | Kottbusser Tor | Adalbertstr. 96

http://www.viertewelt.de  http://www.ctp-berlin.com/     http://lubricat.de/logic/start.php

#fortschritt#karibik