Die Fabrik im Hinterzimmer

Die Weisestraße im Neuköllner Schillerkiez: sanierte Altbauten neben bröckelnden Fassaden, Spielhallen und Wettbüros, zerfetzte Sofas auf dem Bürgersteig neben besprühten Mülltonnen. Hier scheint es noch vorhanden zu sein, das alte Berlin mit seinen Eckkneipen, mit den Bäckereien, die günstigen Filterkaffee in Pappbechern verkaufen, wo Studenten und Arbeiter, Migranten und Ureinwohner sich treffen. Doch die Zeichen des Wandels sind auch hier bereits sichtbar und spürbar. Es sind die Cafégäste, die an pastellfarbenen Tischen Quiche und Gemüsesuppen verspeisen, die neuen Läden, die selbstgenähte Babykleidung für qualitätsbewusste Eltern anbieten, die steigenden Quadratmeterpreisen der Wohnungen in der Nähe des beliebten Tempelhofer Feldes, die die Altneuköllner fürchten lassen, die Gentrifizierung wird ihren Kiez verändern.

Die Kneipe „Lange Nacht“ in der Weisestraße
Hauswand im Schillerkiez

„Früher konntest du für zweihundert Euro einen ganzen Laden mieten“, erklärt mit einem Hauch Wehmut Martin Mai, Inhaber der Berlinfabrik, der seit achtzehn Jahren in der Weisestraße zu Hause ist. „Ich fand es hier immer schön, und plötzlich finden es alle andere auch schön“, sagt er, und schwärmt vor der familiären Atmosphäre im Kiez. In der Kneipe „Lange Nacht“ , ehemals „Lohffs“, treffen sich die Nachbarn auf einen Kaffee, schauen zusammen den Tatort und Fußballspiele, schwatzen und diskutieren. Tatsächlich sieht es drinnen dank Retro-Tapeten und einer großen Ledercouch wie in einem gemütlichen Wohnzimmer aus. Ein schmaler Flur führt vom Lokal in ein kleines Hinterzimmer, in dem Maschinen und mit Kleidungsstücken und Druckplatten beladene Regalen den meisten Platz einnehmen. Hier bedruckt Martin seit 2008 T-Shirts und Pullover, Bodys und Sweatshirts, sowohl für Privatkunden als auch für Bekleidungsgeschäfte. Die Textilien haben einen Fair-Trade Siegel und stammen von einem ökologischen Betrieb, der mit den Erlösen unter anderem Bäume nachpflanzt. Die Motive reichen von der schwarzroten Berliner Skyline, bis zu den Sprüchen „I refuse to sink“ und „Everybody wants to be an astronaut“. Den ehemaligen Neuköllner Bürgermeister hat Martin Mai ebenfalls auf seinen T-Shirts verewigt, unter seinem weißen Gesichtsabdruck prangen die Wörter „The Big Buschkowsky“ An der Wand hängt ein Bild vom originalen Buschkoswky, der sich bei einer Veranstaltung im Kiez die Berlinfabrik besuchte.

„The Big Buschkowsky“- T-Shirts

Die Siebdrucktechnik hat sich Martin nach einem abgeschlossenen Grafikdesignstudium selbst beigebracht. „Die ersten T-Shirts waren Scheiße, und dann wurden sie immer besser“, grinst er, und legt demonstrativ eine schwere, holzgerahmte Siebdruckplatte auf den Tisch. Neben den Kundenaufträgen betreibt er in der „Lange Nacht“ sein Herzensprojekt „Uni Neukölln“. Es geht darum, dass die Leute in der Kneipe Seminare halten, „über das, was sie gut können“, sei es nähen, drapieren, kochen, singen oder spanisch sprechen. Parallel zu den Veranstaltungen bedruckt er T-Shirts, Pullover und Aufkleber mit dem Logo „Uni Neukölln“. Studentenausweise gibt es für die Teilnehmer ebenfalls. Im Kiez gewinnen die Veranstaltungen immer mehr Anhänger, schon ca 150 Leute haben im letzten Jahr mitgemacht. Am schwierigsten in seinem Beruf sei die Vermarktung, denn ein Online-Shop reicht nicht und man braucht Partner, die die Produkte vermarkten. „Ideen dagegen“, sagt er „hat man ruck zuck.“

Lokal mit urigem Ambiente in der Weisestraße
Martin Mai, Inhaber der Berlinfabrik
Die Textildruckerei

Mehr Infos zur Berlinfabrik gibt es unten http://berlinfabrik.com/ Die Webseite der Uni Neukölln ist unter http://unineukoelln.com/ zu finden