Der letzte Zufluchtsort

Was heute  ein Familienzentrum mitten im quirligen Bezirk Prenzlauer Berg ist, hat nach genauerem Hinsehen eine Vergangenheit, die bis in das düsterste Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte reicht.

Das Haus in der Fehrbelliner Straße 92 ist auf dem ersten Blick ein Altbau,  wie es viele davon in Prenzlauer Berg gibt. In den hellen Räumen mit Parkett und Flügeltüren werden Yogaseminare und Ausbildungsberatungen für Jugendliche durchgeführt, in dem Innenhof steht ein Sandkasten für die kleinen Besucher bereit. Ursprünglich, im Jahr 1910, beherbergten die Räume jedoch eine Tagesstätte für Säuglinge und Kleinkinder, und später einen Hort, eine Lesestube und ein Heim für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen.

Wer auf dem Weg in die erste Etage nach oben schaut, entdeckt  ein kleines, mit hebräischen Buchstaben geschmücktes Holzboot. Dieses wurde von den Bewohnern des jüdischen Kinderheims gebaut, die in den 30ern hier lebten, weil ihre Eltern verhaftet oder deportiert worden waren. In den Räumen fanden sie Schutz vor der zunehmenden Verfolgung und Diskriminierung, der die Juden nach 1933 zunehmend ausgesetzt waren. Sie lernten lesen und schreiben, bekamen eine warme Mahlzeit, lachten, spielten Schach und inszenierten Theateraufführungen, wie die vielen Schwarzweißfotos an den Wänden dokumentieren.

1942 war ihre Kindheit jedoch abrupt zu Ende. Das Heim wurde von der NS-Regierung geschlossen und die Kinder in ein Altersheim umgesiedelt, die meisten von ihnen wurden jedoch kurze Zeit später deportiert und kehrten nie wieder zurück. Einige wenige hatten sich bereits 1938 mit dem Kindertransport nach England gerettet. Auch Ida Judith Bamberger, die letzte Heimleiterin, wurde verhaftet und vermutlich in Auschwitz ermordet.

Die Boote, die die Kinder gebastelt hatten, konnten sie nicht retten. Am 14. März 2003 wurde jedoch die Ausstellung eingeweiht, die die Fotos und zahlreiche Infotafel beinhaltet. Einige der ehemaligen Bewohnern, die die NS-Zeit überlebt hatten, waren dabei. Ihre Geschichten werden ebenfalls in der Ausstellung erzählt. Doch auch ohne Text sprechen die Bilder für sich. Sie erinnern an die Hoffnung, die auch in den dunkelsten Momenten ein junges Leben erhellen kann.

 

Zur Ausstellung in der Fehrbelliner Straße 92

Gemeinsame Mahlzeit im Speisesaal
Den Krieg und die Verfolgung vergessen: Kasperletheater
Den Krieg und die Verfolgung vergessen: Kasperletheater
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Die letzten sorglosen Momente, viele von ihnen überlebten den Krieg nicht

Geschichte auf Rädern-Das Berliner S-Bahn Museum am Griebnitzsee

Über 80 Jahre S-Bahn. Schwarzweißfotos aus der vorletzten Jahrhundertwende, die den Bau der Stadtbahn dokumentieren. Fahrpläne aus den Zeiten der Stadtteilung, als der Westberliner-Ring nicht mehr befahren und im Niedergang begriffen schien. Der Werdegang der S-Bahn ist unzertrennbar mit der Geschichte Berlins verbunden. Seit 1996 betreiben Ehrenamtliche, unterstützt durch den Berliner Fahrgastenverband IGEB e.V. und den Deutschen Bahnkundenverband DBV, unweit des S-Bahnhofs Griebnitzsee im ehemaligen S-Bahn Unterwerk das einzige Berliner S-Bahn Museum, das die bewegte Geschichte der rotgelben Fahrzeuge von den Anfängen 1924 bis zur Gegenwart dokumentiert. Einmal im Monat am Wochenende öffnet die Ausstellung für Besucher ihre Tore. Zusätzlich zu alten Trafos, Weichen und Fahrkartenautomaten, die ohne Displays auskamen, beschreiben Infotafeln die Fahrzeuge, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf den Strecken Berlins abwechselten.

Analoger Automat aus den siebziger Jahren. Preis eines Einzelfahrscheines: 0,80 DM
Analoger Automat aus den siebziger Jahren. Preis eines Einzelfahrscheines: 0,80 DM
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1949: Die Berliner S-Bahn wird 25

Alte Uniformen aus den dreißiger, fünfziger und siebziger Jahren und Schilder von inzwischen zum Teil umbenannten Bahnhöfen, wie der Lehrter Bahnhof (heute Hauptbahnhof) und der Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof), kann man ebenfalls bewundern.

Sehr beliebt bei den Kindern ist ein dank sorgfältiger Restaurierung perfekt erhaltener Waggon aus den zwanziger Jahren, samt Führerhaus.

S-Bahn-Waggon aus den zwanziger Jahre
S-Bahn-Waggon aus den zwanziger Jahre

Ein Stück Berlin. Sowohl der Wagen als auch die Schilder und die Uniformen sind zum Teil vom Berliner Technikmuseum gespendet worden, zum Teil von den Bahnfreunden gerettet worden, als die Modernisierung von Strecken und Fahrzeugen drohte, sie zu vernichten. Udo Dittfurth, Museumsleiter, legt Wert auf den historischen Charakter der Sammlung. Die Geschichte der S-Bahn, meint er, spiegelt die politischen Ereignisse Berlins. Er selber habe als Kind und Jugendlicher wenig Interesse an der S-Bahn gehabt, so Dittfurth, bis ein Zeit-Artikel des aus der DDR geflohenen Schriftstellers Uwe Johnson zum Thema S-Bahn Boykott ihn zum Denken gebracht habe. Heute setzt er sich dafür ein, dass junge und alte Berliner ein Stück Stadtgeschichte kennenlernen.

Ankündigung der Grenzkontrolle am S-Bahnhof Friedrichstraße während der Stadtteilung 1961-1989
Ankündigung der Grenzkontrolle am S-Bahnhof Friedrichstraße während der Stadtteilung 1961-1989

Die Gegend. Unweit des Museums laden die Ufer des Griebnitzsees zu einem ausgedehnten Spaziergang. Am Südufer wohnten in den edlen Anwesen der Villekolonie Neubabelsberg in den frühen dreißiger Jahre Filmstars wie Marika Rökk, Heinz Rühmann und Willy Fritsch. Hier verlief die ehemalige deutsch-deutsche Grenze: Das Nordufer gehörte zum Bezirk Wannsee, also zu West-Berlin, während das Südufer zu Potsdam-Babelsberg zählte, also zur DDR. Gerade im Oktober zeigt sich dort die Natur von ihrer schönsten Seite, wenn die Baumwipfel rot und gelb schimmern und der See im goldenen Herbstlicht glänzt. Im Sommer soll man zwar wegen der geringen Wasserqualität nicht baden, aber man kann Kanus und Tretboote mieten und von der Mitte des Sees den Blick auf die noblen Villen und auf die Natur genießen.

Herbstfarben am Griebnitzsee
Herbstfarben am Griebnitzsee

Berliner S-Bahn Museum

Rudolf-Breitscheid-Straße 203

14482 Potsdam

http://www.s-bahn-museum.de

Nächster Tag der offenen Türen am 14. + 15.11.2015 von 11 bis 17 Uhr