Welcome Festival-Schön, dass ihr da seid

Wunschbaum
Selbstgebastelter Wunschbaum mit Kinderbotschaften

 

Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen haben sich am Samstag auf dem Tempelhofer Feld neue und alte Berliner versammelt, um mit dem Welcome Festival den ersten Jahrestag der Willkommenskultur zu feiern. Genau vor einem Jahr hatte eine Gruppe engagierter Neuköllner ein Picknick organisiert, um Geflüchtete willkommen zu heißen, die nach der vorübergehenden Grenzöffnung Berlin erreicht hatten.

Viele dieser Menschen waren nun am Samstag als Festival-Mitgestalter anwesend und haben Workshops angeboten, gesungen, gespielt oder für die vielen Teilnehmer gekocht. Zahlreiche Ehrenamtliche haben ihre Projekte vorgestellt, auch um neue Unterstützer zu sammeln. Das Engagement vieler Bürger im letzten Jahr sei überwältigend gewesen, so eine Helferin, aber es sei genauso wichtig, weiter zu machen, denn die Neuankömmlinge benötigen noch Unterstützung im Alltag, um in Deutschland voranzukommen.

Banu, Alex, Eric und Fasila warben mit einem Stand für ihre Initiative Schlafplatz.org. Die Börse vermittelt obdachlosen Flüchtlingen einen Schlafplatz, sowohl temporär als auch längerfristig. „Es basiert viel auf Vertrauen“ sagt Banu „Wir kennen die Menschen und wissen, dass sie in Ordnung sind. Es ist sonst für die Leute nicht einfach, sich Fremde in die Wohnung zu holen. Und die Gäste müssen den Gastgebern ebenfalls trauen. Viele schämen sich für ihre Situation und schlafen lieber auf der Straße. Daher ist die Vermittlung sehr wichtig.“

SchlafplatzOrg
Banu, Fasila, Alex und Eric vermitteln Geflüchteten in Notsituation Schlafplätzen in privaten Wohnungen

Auch das junge Projekt „RESTART„, das geflüchteten Künstlern ermöglicht, ihre Werke in einem Online-Auktionshaus anzubieten, war dabei. Mitgründerin Maria sprach von der vielen PR-Arbeit, die nötig ist, damit viele Menschen die Plattform kennen. Ziel ist, den zwanzig syrischen Malern, Designern und Fotografen auch eine finanzielle Perspektive in Deutschland anzubieten, damit sie hier neu starten.

Restart
Das RESTART-Team. Ziel ist, geflüchteten Künstlern einen Einstieg in die deutsche Kunstszene zu ermöglichen

Neben Vereinen zog das Festival viele Bewohner der benachbarten Notunterkunft im Hangar des Tempelhofer Felds, die seit Oktober 2015 über 2000 Menschen beherbergt. Karim, Jurist aus Afghanistan, ist einer von ihnen. Er ist seit einem Jahr hier und um die Freundschaft der Berliner dankbar, sagt er auf Englisch, während er an einem Malworkshop teilnimmt. Er möchte diese große Chance nutzen und zuerst seine deutsche Sprachkenntnisse verbessern und dann Elektrotechnik studieren.

Karim
Dankbar für tolle Freundschaften und voll von Zukunftsplänen:Karim aus Afghanistan

Unter den musikalischen Highlights war die Syrian Expat Philharmonic Orchestra, das erste syrische Orchester im Exil, gegründet 2015 von Raed Jazbeh, Kontrabassist aus Damaskus. Aber auch die Multikulti-Band Bukahara mit ihren orientalischen-jazzigen Tönen war dabei.  Den vielen anwesenden Kindern erwartete auch ein buntes Programm, darunter Jonglierseminare, Parcours und arabische Märchen.  Bis in den Abend hinein wurde getanzt, auf der Wiese gebolzt, gegessen und gelacht.

Angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen möchte man meinen, die Willkommenskultur in Deutschland sei gefährdet. Doch die vielen Menschen, die am Welcome Festival teilnahmen, zeigen eine andere Facette unserer Gesellschaft. Sowohl die Neu- als auch die Altberliner beweisen, dass Integration nur stattfindet, wenn der Neue nicht nur der Flüchtling sondern der Musiker, der Koch, der Maler, der Nachbar ist. In diesem Sinne freue ich mich auf das nächste Welcome Festival.

Tauziehen
Tauziehen auf der Wiese auf dem Welcome Festival

 

 

Gastbeitrag von Sina Thomas: Amerikaner in Berlin

In Berlin leben zur Zeit zirka 20 500 Amerikaner. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass in den letzten 10 Jahren die Zahl der Amerikaner, die nach Berlin ziehen, sich sogar verdoppelt hat. Doch was lockt sie so sehr hierher und was suchen sie in der neuen Heimat? Die Antworten darauf finden Sie hier:

  1. In Berlin sind die Lebenshaltungskosten unvergleichlich günstig

Das sagen die meisten jungen Leute aus Amerika. Nach dem Bericht über die teuersten Städte der Welt der britischen Analyse-Firma „Economist Intelligence Unit“ (EIU) kommt Berlin auf Platz 78 von 133 untersuchten Städten. Trotz der Steigerungen der letzten Jahre, bleiben die Mieten im internationalen Vergleich preiswert und für sein Geld bekommt man eine schönere und größere Wohnung als in den USA. Die US-Bürger sind vor den Chinesen und Russen die größten Investoren im Bereich Immobilien. Die Kosten für Lebensmittel, Mobilität und Unterhaltung sind ebenfalls niedriger als woanders in Europa.

  1. Das Wetter in Berlin ist angenehm

Amerikaner finden die hohe Luftqualität in Berlin ganz toll. Außerdem kann man hier die      vier Jahreszeiten erleben. Dank des kontinentalen Klimas beträgt die durchschnittliche Jahrestemperatur ungefähr 13,1 Grad. Damit gehört Berlin zu den wärmsten Städten Deutschlands. Im Vergleich zu den eisigen Wintern im Nordamerika ist der Winter hier ebenfalls mild

  1. Amerikanische Jungfamilien fühlen sich wohl in Berlin

In Berlin können Jungfamilien finanziell erschwingliche Kindergärten und Krippen für ihre Kinder finden. In den USA dagegen sind die Kosten für Kinderbetreuung sehr hoch. Außerdem findet man hier oft zweisprachige Einrichtungen, englisch-deutsche Kitas sind weit verbreitet.

  1. In Berlin kann man 24 Stunden lang Party machen

Berlin hat ein abwechslungsreiches, einzigartiges Nachtleben und viele Optionen zum Ausgehen. In Berlin geht es später los – dafür aber länger. Die ganze Nacht sind zahlreiche Discotheken, Clubs und Tanzlokale offen. Amerikaner sind begeistert von “Berghain”, vom „Watergate” oder vom „Kater Holzig” – Diese Clubs sind nicht nur in der ganzen Welt bekannt, sondern sie sind aus einer anderen Welt. Hier herrscht der pure Wahnsinn.

  1. Berlin und die Kunst

Amerikanische Künstler lieben Berlin. Die Stadt mit ihren Chancen und Perspektiven für junge Leute ist ein großer Anziehungspunkt vieler Amerikaner. Der amerikanische Künstler Eric Cloutier äußert sich in diesem Zusammenhang: „Ich muss mir keine Sorgen um Rechnungen machen. Ich kann ein paar Auftritte machen und die restlichen 28 Tage des Monats an meiner Musik arbeiten.“ Was in New York auf keinen Fall möglich ist.


Was überrascht die Amerikaner, wenn Sie zum ersten Mal nach Berlin kommen?  Manche staunen tatsächlich, dass nicht alle traditionelle Kleidung tragen und dass man in Berlin nicht jeden Tag Weißwurst isst, sagt Sina Thomas.

Zur Person:

Sina Thomas ist 30 Jahre alt, von Beruf Umzugsexpertin und lebt seit 10 Jahren in Berlin. Auf ihrer Seite http://www.umzugbewertungen.de schreibt sie Beiträge in der Rubrik „Umzug von A bis Z“

 

Haus
Trotz Steigerungen in den letzten Jahren bleiben Berliner Mieten im internationalen Vergleich günstig

Wenn das Mädchen den Gotteskrieger liebt: Lesung mit Güner Balci

Allein aus Deutschland kämpfen zurzeit 600 Frauen für den Islamischen Staat in Syrien. Was sind ihre Gründe, ihre Freiheit aufzugeben, um Soldatinnen Allahs zu werden? Ist der Islam an dieser Radikalisierung völlig unschuldig, wie viele Gelehrten behaupten, oder steckt in ihm bereits der Keim dieser Verwandlung? Das neue Buch von Güner Balci versucht, Antworten zu geben.

Eine Herzensangelegenheit. Die Journalistin Güner Balci ist als Expertin für islamische Migranten in Berlin bekannt, unter anderem für ihre Bücher „Arabboy“ (2008) , „Arabqueen“ (2010) und „Aliyahs Flucht“ . Für ihren Dokumentarfilm „Jungfrauenwahn“, in dem sie sich mit der Sexualität muslimischer Frauen auseinandersetzt, hat sie 2016 den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen. Selber ist sie in Berlin-Neukölln in einer alevitischen, liberal eingestellten Familie aufgewachsen. Sie bezeichnet die Stellung der muslimischen Frauen in Deutschland als „das Thema ihres Lebens“

Das Mädchen und der Gotteskrieger. Im Heimathafen Neukölln stellte sie am 23.06.2016. ihr neues Buch „Das Mädchen und der Gotteskrieger“ vor. Balcis tragische Heldin ist diesmal die Berlinerin Nimet, 16 Jahre alt, die in ihrer Freizeit auf Facebook und Tumblr unterwegs ist, mit ihren besten Freundin Cayenne  in die Kulturbrauerei tanzen geht und von der großen Liebe träumt. Mit dem muslimischen Glauben haben weder sie noch ihre Eltern etwas am Hut. Ihr Vater hat eine neue Familie, ihre alleinerziehende Mutter ist berufstätig und leicht depressiv und ihre Schwester führt eine schwierige Beziehung mit einem Macho. Von der gleichaltrigen Konvertitin Nur ist sie zuerst abgestoßen, aber gleichzeitig stellt sich Nimet viele Fragen, wie alle Teenager. Als sie eine scheinbar zufällige Whatsapp-Nachricht von einem unbekannten Mann namens Saed bekommt, ist sie zunächst ebenfalls irritiert und hält ihn für einen der vielen Spinner, die sich in den Social Networks herumtümmeln. Doch Saed, der angeblich Flüchtlingen in Syrien hilft, gibt sich weise und sanft. Er spielt mit Nimets Suche nach einem Sinn im Leben und mit ihrem Wunsch nach Anerkennung und lässt ihr glauben, im Islam stecke die Antwort auf ihre Fragen.  Nimet liest zum ersten Mal im Leben den Koran, empört sich über die Leere der westlichen Gesellschaft, verschleiert sich schließlich. Nour, nun ihre beste Freundin, untermauert diese Ansichten und zieht Nimet in ihre Schwarzweißwelt, in der die bösen Ungläubigen die guten Muslime zerstören wollen. Ohne Saed je gesehen zu haben ist Nimet bereit, ihr Leben in Berlin zu verlassen, um im Gottesstaat zu leben. Erst in Syrien dämmert ihr ein, dass nichts ist, wie Nour und Saed versprechen, und dass sie in großer Gefahr steckt.

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                                               Autorin und Islamexpertin Güner Balci

 

 Die muslimische Frau in der Familie. Güner Balci macht am Anfang der Lesung klar, dass Nimet ein Produkt ihrer Phantasie ist. Der Grund, diese Figur zu erschaffen, liege in der Tatsache, dass sie die Wirkung des „pervertierten Patriarchats“, so nennt sie den ultrakonservativen Islam, verstehen und beschreiben wollte. Nimet und auch ihre Freundin Nur sind eine Collage vieler Frauen, die die Autorin in ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der muslimischen Jugendszene kennengelernt hat. Sie beschreibt ein Treffen mit Pierre Vogel in einer salafistischen Moschee in Duisburg-Marxloh, in der vor einigen Jahren eine Konvertitin ihr ihre Geschichte anvertraute, und Gespräche mit Oberschülern aus Berlin-Wedding, die ihr von der Propagandamaschine des Westens erzählten, die ihrer Meinung nach Lügen über den Islamischen Staat verbreitet. Die Frage, ob die Beweggründe für eine Dschihadreise geschlechtsspezifisch seien, bejaht sie. Während die Männer vor allem Abenteuer suchten, ginge es der Frauen darum „für den einen Mann zu glänzen“. Die Gründe für eine solche Entscheidung sieht die Autorin in der traditionellen Rollenverteilung und in dem Frauenbild, die dem Islam zu Grunde legen. Selbst in scheinbar modernen Familien, wie die von Nimet, haften immer noch archaische Vorstellungen und Tabus an den Frauen, besonders was ihre Sexualität angeht. Die jungen Mädchen schwanken zwischen der freien Gesellschaft, in der sie leben, und das schlechte Gewissen ihrer Kultur gegenüber, wenn sie mit dem anderen Geschlecht flirten, sich schminken, vor der Ehe Sex haben.

Labile Kinder. Wenn die vielen Zweifeln der Pubertät dazu kommen, ergibt sich ein labiles Gleichgewicht und eine Anfälligkeit für Modelle wie das des radikalen Islams, das alle Antworten zu kennen scheint und Anerkennung gegen Freiheit verspricht. Typisch für muslimische Familien, so die Autorin, sei die Tatsache, dass die Teenager selten in ihrer Findungsphase rebellieren, in dem sie sich für andere politische oder kulturelle Strömungen interessierten, sondern oft den Islam wählen, um sich entweder davon abzugrenzen oder darin einzugehen. Bei Konvertiten spiele das islamische Milieu aber aber auch eine große Rolle. Oft handele es sich um Kinder die zu Hause keinen Halt finden und zu viele Freiheiten sehr früh erleben. Wenn sie in der Schule oder im Freundeskreis mit der islamischen Subkultur in Berührung kommen, wirkt diese oft anziehend, weil sie Sinn und Anerkennung verspricht.

Parallelgesellschaften. Die Autorin, die schon vor zwölf Jahren einen Film über den später abgeschobenen Hassprediger Yakup Tasci aus Kreuzberg drehte, forschte für ihr Buch unter anderem in Internetforen, in denen Jihad-Bräute rekrutiert werden. Für gefährlich hält sie vor allem die vielen Verschwörungstheorien, die hier kursieren, darunter dass Israel und die USA im Nahost Krieg gegen den Islam führen würden und deswegen als das Böse schlechthin anzusehen seien. Längst bevor die jungen Menschen nach Syrien reisen, wird die Welt in Gut und Böse unterteilt und jeden Bereich infiltriert. Selbst Cola trinken oder ins Kino wird so zu einem politischen Statement. Ihrer Meinung nach ist eine Integration der muslimischen Migranten nur möglich, wenn der Staat einen aufgeklärten Islamunterricht in den Schulen anbietet und den Kindern früh vermittelt, dass Religion und westliche Welt keine Gegner sind, sondern sich ergänzen können. Schon seit Jahren beschuldigt Güner Balci die deutschen Politiker, aus Angst vor Rassismus die Augen  zu verschließen. Ihr neues Buch ist ein erneuter Weckruf, endlich tätig zu werden.

gotteskrieger
Die Geschichte von Nimet

[1] Interview mit Güner Balci vom 13.12.2014 über Sarrazin und dem Islam.

Alte und neue Flüchtlinge-Das Notaufnahmelager Marienfelde


Das Notaufnahmelager Marienfelde. Kinder, die auf Koffern am Straßenrand sitzen, Menschentrauben vor einem Gebäude, Wäsche aufhängen in Gemeinschaftsräumen: Diese Bilder sind seit der Flüchtlingskrise der letzten Monate rund um die Uhr in den Medien präsent. Es gab aber eine Zeit, in der die Flüchtlinge Deutsch sprachen und dennoch auf eine Aufenthaltsgenehmigung warten mussten. Im Notaufnahmelager Marienfelde in der Marienfelder Allee 66 erinnert die permanente Ausstellung im Erdgeschoss an dieses Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.   Flucht aus dem Osten. In den fünfziger Jahren nimmt wegen der schlechten Wirtschaftsbedingungen die Zahl der Übersiedler aus der DDR nach Westdeutschland rapide zu, ab 1952 ist die Innengrenze geschlossen und eine Ausreise in den Westen nur durch West-Berlin möglich. Allein im März 1953 versuchen 58.605 Menschen ihr Glück und verlassen die Zone, zum Teil in dem sie Seen und Flüsse überqueren oder während einer S-Bahnfahrt im Westsektor aussteigen. Doch offiziell dürfen nur politisch Verfolgte die DDR verlassen. Alle anderen werden zwar nicht zurückgeschickt, erhalten aber keinen offiziellen Status und müssen sich im ohnehin von Wohnungsmangel geplagten West-Berlin zurechtfinden.Wegen dem Mauerbau am 13. August 1961 hat die Flüchtlingswelle zuerst ein Ende, um 1989 wieder einen Höhepunkt zu erreichen. Nach der Wiedervereinigung sind in den neunziger Jahren vor allem Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Marienfelde ankommen, und heute dient das Gebäude ebenfalls als Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Damals wie heute warten die Menschen, ein neues Leben anfangen zu können. Die Ausstellungen. An den vielen Säulen der Ausstellung erzählen einige ehemalige DDR-Flüchtlinge über ihre Gründe, die Heimat zu verlassen. Die zahlreichen Fotos und Infotafeln geben einen Einblick in das Leben im Heim und den Versuch, trotz materieller Entbehrungen und Zukunftsängste so was wie einen Alltag zu etablieren. Im ersten Stock ist bis zum 31.03.2015 die Fotoausstellung „Bridge the Gap“ zu sehen, gefördert durch das Projekt „Jugend ins Zentrum!“und durch die Stiftung Berliner Mauer. In den Bildern porträtieren geflüchtete Jugendliche aus Tschetschenien, Syrien und anderen Ländern ihren Kiez aus ihrer Perspektive und erzählen über ihre Träume und Sehnsüchte. Insgesamt ist die Erinnerungsstätte ein gelungener Versuch, die allzu oft vergessene menschliche Seite der Einzelnen zu beleuchten, die ansonsten in der anonymen Masse namens „Flüchtlinge“ verschwindet.

Schild
Warnschild für Westberliner Fahrgäste in den 50er Jahren
Ausflug
Ausflug für DDR-Flüchtlinge des Notaufnahmelagers Marienfelde in den 50er Jahren
bridgethegap
Ausstellungsplakat „Bridge the gap“ über das Leben von Flüchtlingkindern
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde 
Marienfelder Allee 66-80
12277 Berlin
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Montags geschlossen
www.notaufnahmelager-berlin.de

Die Welt hat ein Denkproblem- Ein Abend in der Vierten Welt

Eine Insel in der Karibik, nach einem verheerenden Erdbeben. Zwei Entwicklungshelfer sitzen unter ihrem Zelt und strotzen vor Euphorie. Sie wollen den Einheimischen nicht nur helfen, sondern sie auch verstehen, doch bald stellen sie fest, dass nichts voran geht. Gleichzeitig verteidigt sich ein schwarzer Vater gegen die Anschuldigungen der weißen Menschen, er könne sein weißes Kind nicht lieben, geschweige denn großziehen. In Berlin, im neu eröffneten Frantz-Fanon-Institut entzaubern zwei junge Frauen das Geschäft mit der Hoffnung, das sich hinter der Werbung für saftige, fair-produzierte Mangos verbirgt.

#progress#karibik ist nach #paradies#karibik das zweite Stück vom Theaterregisseur Christoph M. Gosepath über die verkorkste Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen und den tiefen Graben zwischen zwei Kulturen, die sich nur räumlich näher kommen. Parallel dazu inszeniert Regisseur Dirk Cieslak vn Lubricat „Cantina Section Four“, in dem es ebenfalls um Postkolonialismus und verfehlte Entwicklungshilfe geht. Aufgeführt wurde das Stück in der Vierten Welt, eine Adresse, die sich seit 2010 den politischen und gesellschaftlichen Auftrag des Theaters auf die Fahne geschrieben hat. Im folgenden Interview redet Christoph Gosepath über die Botschaft seiner Karibikreihe.

Wie kam die Idee, ein Stück über die Karibik zu schreiben?

Wir haben in St.Lucia ein leerstehendes Haus renoviert, das architektonisch für Theater geeignet ist. Schon während der Arbeiten kam die Idee für das Projekt. Es stellte sich dann heraus, dass in der Nachbarschaft der Autor und Nobelpreisträger Derek Walcott lebt. Er sieht die Karibik als ein Schmelzofen verschiedener Nationalitäten und als Musterbeispiel für eine Weltbevölkerung. Als erstes haben wir ein Stück geschrieben, das unsere Reise und den naiven Touristenblick beschreibt. Es gibt in der Karibik viele „All you can eat“ Anlagen, aber jenseits der Mauern findet man Müll und Armut. Wir wollten beschreiben, wie falsch die Tourismusindustrie die Karibik mit der Macht der Bilder darstellt.

Warum denn ein zweites Stück?

Nach #paradies#karibik meinten die Künstler von Lubricat, die die Vierte Welt betreiben, das sei zu naiv erzählt. Daraus entstand die Idee, ein Projekt über den „blinden Fleck“ zu entwickeln. Denn dass man den anderen einfach nicht sieht, geschieht heute genauso wie im Kolonialismus. Lubricat und wir haben getrennt dahingearbeitet, dann haben wir unsere beiden Stücke zu einem gemeinsamen Abend zusammengeworfen. #progress#karibik versucht, die Grenzen des Eurozentrismus auszuloten, wohlwissend, dass wir selber Weiße sind und nie diese Grenzen überschreiten werden können. Als drittes Projekt ist geplant, eine karibische Theatertruppe samt Regisseur einzuladen und ihre Sicht erzählen zu lassen.

In #progress#karibik fällt am meisten die Hilflosigkeit der Helfer auf. Denkst du, diese Gefühle sind auch auf die aktuelle Situation mit den Flüchtlingen übertragbar?

Nein. Ich habe versucht, diese Helfer zweifelnd und in sich kreisend zu erzählen. Sie merken, es funktioniert nicht, aber sie verstehen nicht warum, weil sie in ihrem Horizont bleiben. Die Entwicklung der letzten Monate hat aber unser Stück überholt, da jetzt die Menschen in den Gebieten, wo Weiße völlig ineffizient helfen, sich einfach nehmen, was sie brauchen, und einfach herkommen, um etwas von dem Kuchen zu bekommen. Das ist eine Auferstehung derer, die immer ausgebeutet worden sind.

Könnten die Weiße in dem Stück auch Amerikaner, Spanier oder Italiener sein?

Ja. Ihre Weltsicht ist nicht speziell deutsch, sondern europäisch, beziehungsweise weiß. Interessant ist, dass man sich in Deutschland erst spät mit anderen Kulturen befasste, weil es keine ausgeprägte koloniale Geschichte gab. In Berlin geht es daher schwarzen Menschen, vom Bewusstsein her, schlechter als in Paris oder in London.

Ist #progress#karibik ein Stück über Weiße und Schwarze, oder kann es auch eine universelle Geschichte zum Thema Kulturbegegnung sein?

Es geht um die Begegnung mit dem Anderen. Während einer Publikumsdiskussion zum Film „Tödliche Hilfe“ von Raoul Pack erzählte eine Haitianerin, dass es im Grunde um Respekt geht. Du kannst den anderen nie wirklich verstehen, aber du kannst ihm wenigstens Respekt entgegenbringen.

#progress#karibik | club tipping point/ Christoph M. Gosepath
mit
Sebastian Becker, Benjamin Kramme und Steve Régis „Kovo“ N Sondé| Text Robert Schmidt

CANTINA section four |Lubricat/ Dirk Cieslak
mit
Tamara Saphir, Tatiana Saphir und Steve Régis “Kovo” N´Sondé

Dramaturgie Kris Merken | Ausstattung primavera°maas | Video-/Sounddesign Miriam Akkermann und David Roth |
Sprachen: deutsch, englisch, französisch, spanisch

Vierte Welt | Neues Zentrum Kreuzberg | Galerie 1. OG | Kottbusser Tor | Adalbertstr. 96

http://www.viertewelt.de  http://www.ctp-berlin.com/     http://lubricat.de/logic/start.php

#fortschritt#karibik