Wenn das Mädchen den Gotteskrieger liebt: Lesung mit Güner Balci

Allein aus Deutschland kämpfen zurzeit 600 Frauen für den Islamischen Staat in Syrien. Was sind ihre Gründe, ihre Freiheit aufzugeben, um Soldatinnen Allahs zu werden? Ist der Islam an dieser Radikalisierung völlig unschuldig, wie viele Gelehrten behaupten, oder steckt in ihm bereits der Keim dieser Verwandlung? Das neue Buch von Güner Balci versucht, Antworten zu geben.

Eine Herzensangelegenheit. Die Journalistin Güner Balci ist als Expertin für islamische Migranten in Berlin bekannt, unter anderem für ihre Bücher „Arabboy“ (2008) , „Arabqueen“ (2010) und „Aliyahs Flucht“ . Für ihren Dokumentarfilm „Jungfrauenwahn“, in dem sie sich mit der Sexualität muslimischer Frauen auseinandersetzt, hat sie 2016 den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen. Selber ist sie in Berlin-Neukölln in einer alevitischen, liberal eingestellten Familie aufgewachsen. Sie bezeichnet die Stellung der muslimischen Frauen in Deutschland als „das Thema ihres Lebens“

Das Mädchen und der Gotteskrieger. Im Heimathafen Neukölln stellte sie am 23.06.2016. ihr neues Buch „Das Mädchen und der Gotteskrieger“ vor. Balcis tragische Heldin ist diesmal die Berlinerin Nimet, 16 Jahre alt, die in ihrer Freizeit auf Facebook und Tumblr unterwegs ist, mit ihren besten Freundin Cayenne  in die Kulturbrauerei tanzen geht und von der großen Liebe träumt. Mit dem muslimischen Glauben haben weder sie noch ihre Eltern etwas am Hut. Ihr Vater hat eine neue Familie, ihre alleinerziehende Mutter ist berufstätig und leicht depressiv und ihre Schwester führt eine schwierige Beziehung mit einem Macho. Von der gleichaltrigen Konvertitin Nur ist sie zuerst abgestoßen, aber gleichzeitig stellt sich Nimet viele Fragen, wie alle Teenager. Als sie eine scheinbar zufällige Whatsapp-Nachricht von einem unbekannten Mann namens Saed bekommt, ist sie zunächst ebenfalls irritiert und hält ihn für einen der vielen Spinner, die sich in den Social Networks herumtümmeln. Doch Saed, der angeblich Flüchtlingen in Syrien hilft, gibt sich weise und sanft. Er spielt mit Nimets Suche nach einem Sinn im Leben und mit ihrem Wunsch nach Anerkennung und lässt ihr glauben, im Islam stecke die Antwort auf ihre Fragen.  Nimet liest zum ersten Mal im Leben den Koran, empört sich über die Leere der westlichen Gesellschaft, verschleiert sich schließlich. Nour, nun ihre beste Freundin, untermauert diese Ansichten und zieht Nimet in ihre Schwarzweißwelt, in der die bösen Ungläubigen die guten Muslime zerstören wollen. Ohne Saed je gesehen zu haben ist Nimet bereit, ihr Leben in Berlin zu verlassen, um im Gottesstaat zu leben. Erst in Syrien dämmert ihr ein, dass nichts ist, wie Nour und Saed versprechen, und dass sie in großer Gefahr steckt.

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                                               Autorin und Islamexpertin Güner Balci

 

 Die muslimische Frau in der Familie. Güner Balci macht am Anfang der Lesung klar, dass Nimet ein Produkt ihrer Phantasie ist. Der Grund, diese Figur zu erschaffen, liege in der Tatsache, dass sie die Wirkung des „pervertierten Patriarchats“, so nennt sie den ultrakonservativen Islam, verstehen und beschreiben wollte. Nimet und auch ihre Freundin Nur sind eine Collage vieler Frauen, die die Autorin in ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der muslimischen Jugendszene kennengelernt hat. Sie beschreibt ein Treffen mit Pierre Vogel in einer salafistischen Moschee in Duisburg-Marxloh, in der vor einigen Jahren eine Konvertitin ihr ihre Geschichte anvertraute, und Gespräche mit Oberschülern aus Berlin-Wedding, die ihr von der Propagandamaschine des Westens erzählten, die ihrer Meinung nach Lügen über den Islamischen Staat verbreitet. Die Frage, ob die Beweggründe für eine Dschihadreise geschlechtsspezifisch seien, bejaht sie. Während die Männer vor allem Abenteuer suchten, ginge es der Frauen darum „für den einen Mann zu glänzen“. Die Gründe für eine solche Entscheidung sieht die Autorin in der traditionellen Rollenverteilung und in dem Frauenbild, die dem Islam zu Grunde legen. Selbst in scheinbar modernen Familien, wie die von Nimet, haften immer noch archaische Vorstellungen und Tabus an den Frauen, besonders was ihre Sexualität angeht. Die jungen Mädchen schwanken zwischen der freien Gesellschaft, in der sie leben, und das schlechte Gewissen ihrer Kultur gegenüber, wenn sie mit dem anderen Geschlecht flirten, sich schminken, vor der Ehe Sex haben.

Labile Kinder. Wenn die vielen Zweifeln der Pubertät dazu kommen, ergibt sich ein labiles Gleichgewicht und eine Anfälligkeit für Modelle wie das des radikalen Islams, das alle Antworten zu kennen scheint und Anerkennung gegen Freiheit verspricht. Typisch für muslimische Familien, so die Autorin, sei die Tatsache, dass die Teenager selten in ihrer Findungsphase rebellieren, in dem sie sich für andere politische oder kulturelle Strömungen interessierten, sondern oft den Islam wählen, um sich entweder davon abzugrenzen oder darin einzugehen. Bei Konvertiten spiele das islamische Milieu aber aber auch eine große Rolle. Oft handele es sich um Kinder die zu Hause keinen Halt finden und zu viele Freiheiten sehr früh erleben. Wenn sie in der Schule oder im Freundeskreis mit der islamischen Subkultur in Berührung kommen, wirkt diese oft anziehend, weil sie Sinn und Anerkennung verspricht.

Parallelgesellschaften. Die Autorin, die schon vor zwölf Jahren einen Film über den später abgeschobenen Hassprediger Yakup Tasci aus Kreuzberg drehte, forschte für ihr Buch unter anderem in Internetforen, in denen Jihad-Bräute rekrutiert werden. Für gefährlich hält sie vor allem die vielen Verschwörungstheorien, die hier kursieren, darunter dass Israel und die USA im Nahost Krieg gegen den Islam führen würden und deswegen als das Böse schlechthin anzusehen seien. Längst bevor die jungen Menschen nach Syrien reisen, wird die Welt in Gut und Böse unterteilt und jeden Bereich infiltriert. Selbst Cola trinken oder ins Kino wird so zu einem politischen Statement. Ihrer Meinung nach ist eine Integration der muslimischen Migranten nur möglich, wenn der Staat einen aufgeklärten Islamunterricht in den Schulen anbietet und den Kindern früh vermittelt, dass Religion und westliche Welt keine Gegner sind, sondern sich ergänzen können. Schon seit Jahren beschuldigt Güner Balci die deutschen Politiker, aus Angst vor Rassismus die Augen  zu verschließen. Ihr neues Buch ist ein erneuter Weckruf, endlich tätig zu werden.

gotteskrieger
Die Geschichte von Nimet

[1] Interview mit Güner Balci vom 13.12.2014 über Sarrazin und dem Islam.

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