Die Welt hat ein Denkproblem- Ein Abend in der Vierten Welt

Eine Insel in der Karibik, nach einem verheerenden Erdbeben. Zwei Entwicklungshelfer sitzen unter ihrem Zelt und strotzen vor Euphorie. Sie wollen den Einheimischen nicht nur helfen, sondern sie auch verstehen, doch bald stellen sie fest, dass nichts voran geht. Gleichzeitig verteidigt sich ein schwarzer Vater gegen die Anschuldigungen der weißen Menschen, er könne sein weißes Kind nicht lieben, geschweige denn großziehen. In Berlin, im neu eröffneten Frantz-Fanon-Institut entzaubern zwei junge Frauen das Geschäft mit der Hoffnung, das sich hinter der Werbung für saftige, fair-produzierte Mangos verbirgt.

#progress#karibik ist nach #paradies#karibik das zweite Stück vom Theaterregisseur Christoph M. Gosepath über die verkorkste Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen und den tiefen Graben zwischen zwei Kulturen, die sich nur räumlich näher kommen. Parallel dazu inszeniert Regisseur Dirk Cieslak vn Lubricat „Cantina Section Four“, in dem es ebenfalls um Postkolonialismus und verfehlte Entwicklungshilfe geht. Aufgeführt wurde das Stück in der Vierten Welt, eine Adresse, die sich seit 2010 den politischen und gesellschaftlichen Auftrag des Theaters auf die Fahne geschrieben hat. Im folgenden Interview redet Christoph Gosepath über die Botschaft seiner Karibikreihe.

Wie kam die Idee, ein Stück über die Karibik zu schreiben?

Wir haben in St.Lucia ein leerstehendes Haus renoviert, das architektonisch für Theater geeignet ist. Schon während der Arbeiten kam die Idee für das Projekt. Es stellte sich dann heraus, dass in der Nachbarschaft der Autor und Nobelpreisträger Derek Walcott lebt. Er sieht die Karibik als ein Schmelzofen verschiedener Nationalitäten und als Musterbeispiel für eine Weltbevölkerung. Als erstes haben wir ein Stück geschrieben, das unsere Reise und den naiven Touristenblick beschreibt. Es gibt in der Karibik viele „All you can eat“ Anlagen, aber jenseits der Mauern findet man Müll und Armut. Wir wollten beschreiben, wie falsch die Tourismusindustrie die Karibik mit der Macht der Bilder darstellt.

Warum denn ein zweites Stück?

Nach #paradies#karibik meinten die Künstler von Lubricat, die die Vierte Welt betreiben, das sei zu naiv erzählt. Daraus entstand die Idee, ein Projekt über den „blinden Fleck“ zu entwickeln. Denn dass man den anderen einfach nicht sieht, geschieht heute genauso wie im Kolonialismus. Lubricat und wir haben getrennt dahingearbeitet, dann haben wir unsere beiden Stücke zu einem gemeinsamen Abend zusammengeworfen. #progress#karibik versucht, die Grenzen des Eurozentrismus auszuloten, wohlwissend, dass wir selber Weiße sind und nie diese Grenzen überschreiten werden können. Als drittes Projekt ist geplant, eine karibische Theatertruppe samt Regisseur einzuladen und ihre Sicht erzählen zu lassen.

In #progress#karibik fällt am meisten die Hilflosigkeit der Helfer auf. Denkst du, diese Gefühle sind auch auf die aktuelle Situation mit den Flüchtlingen übertragbar?

Nein. Ich habe versucht, diese Helfer zweifelnd und in sich kreisend zu erzählen. Sie merken, es funktioniert nicht, aber sie verstehen nicht warum, weil sie in ihrem Horizont bleiben. Die Entwicklung der letzten Monate hat aber unser Stück überholt, da jetzt die Menschen in den Gebieten, wo Weiße völlig ineffizient helfen, sich einfach nehmen, was sie brauchen, und einfach herkommen, um etwas von dem Kuchen zu bekommen. Das ist eine Auferstehung derer, die immer ausgebeutet worden sind.

Könnten die Weiße in dem Stück auch Amerikaner, Spanier oder Italiener sein?

Ja. Ihre Weltsicht ist nicht speziell deutsch, sondern europäisch, beziehungsweise weiß. Interessant ist, dass man sich in Deutschland erst spät mit anderen Kulturen befasste, weil es keine ausgeprägte koloniale Geschichte gab. In Berlin geht es daher schwarzen Menschen, vom Bewusstsein her, schlechter als in Paris oder in London.

Ist #progress#karibik ein Stück über Weiße und Schwarze, oder kann es auch eine universelle Geschichte zum Thema Kulturbegegnung sein?

Es geht um die Begegnung mit dem Anderen. Während einer Publikumsdiskussion zum Film „Tödliche Hilfe“ von Raoul Pack erzählte eine Haitianerin, dass es im Grunde um Respekt geht. Du kannst den anderen nie wirklich verstehen, aber du kannst ihm wenigstens Respekt entgegenbringen.

#progress#karibik | club tipping point/ Christoph M. Gosepath
mit
Sebastian Becker, Benjamin Kramme und Steve Régis „Kovo“ N Sondé| Text Robert Schmidt

CANTINA section four |Lubricat/ Dirk Cieslak
mit
Tamara Saphir, Tatiana Saphir und Steve Régis “Kovo” N´Sondé

Dramaturgie Kris Merken | Ausstattung primavera°maas | Video-/Sounddesign Miriam Akkermann und David Roth |
Sprachen: deutsch, englisch, französisch, spanisch

Vierte Welt | Neues Zentrum Kreuzberg | Galerie 1. OG | Kottbusser Tor | Adalbertstr. 96

http://www.viertewelt.de  http://www.ctp-berlin.com/     http://lubricat.de/logic/start.php

#fortschritt#karibik

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